Wahner Spielleute - Theater in Wahn seit 1982

 

“Wenn die Mehrzahl aller Deutschen keine Nazis waren, warum haben sie dann nicht versucht, den Holocaust zu verhindern?” Die Schüler des Geschichtskurses stellen diese Frage ihrem Lehrer Ron Jones und können nicht glauben, daß eine Minderheit eine Mehrheit gegen ihren Willen einschüchtern und beherrschen kann. Mit dieser Frage fängt alles an... der Lehrer muß feststellen, daß es keine dieser Fragen ist, die man “einfach so” beantworten kann. Gibt es überhaupt eine Antwort auf eine solche Frage? Um das herauszufinden, entschließt er sich, ein “kleines” Experiment zu wagen. Ron Jones, der echte Mr. Ross; “Ich wollte, daß die Schüler erfahren, wie es damals in Deutschland zuging. Sie sollten aber nicht nur darüber lesen, sondern es selbst erleben.” Er erfindet die Bewegung THE THIRD WAVE, verführt seine Schüler mit Schlagwörtern wie Disziplin, Gemeinschaft und Aktion. Diesen Begriff der “Dritten Welle” wählte er nicht etwa in Anlehnung an Hitlers Drittes Reich, vielmehr bezeichnet man in der californischen Surferszene mit “third wave” die Welle, die mir der größten Wucht Richtung Küste rollt. Eine wunderbare Metapher, um jungen Menschen einen Begriff von Stärke und Herausforderung zu vermitteln. Sein Konzept ist so simpel wie teuflisch: “Wir sind eine Gemeinschaft, der jeder angehört und in der alle gleich sind. Niemand ist besser als der andere. Um diese Gemeinschaft zu verwalten und zu führen brauchen wir Disziplin, also bestimmte Regeln, die präzise befolgt werden müssen. Hinzu kommt, daß wir aktiv werden, wir müssen handeln, denn eine Gemeinschaft ist ohne Taten bedeutungslos.” Diese Richtlinien, gepaart mit Glauben, Ritualen und Militarismus ergaben eine brisante Kombination, die so erfolgreich war, daß es den “Erfinder” selbst schockierte. “Es war seltsam, wie schnell die Schüler dieses uniforme Verhalten übernahmen. War diese Entfaltung von Gehorsam ein vorübergehendes Spiel, das wir alle spielten, oder war es etwas anderes?” Seine Schüler traten in Aktion und lösten eine Bewegung aus, die sich über die ganze Schule ausbreitete. Jones sagt, daß von dem Tag an, an dem klar wurde, daß die Schüler weitermachen wollten, seine Neugier zu groß war, um alles sofort zu beenden und zum Alltag zurückzukehren. “Von diesem Tag an geschah alles spontan und ungeplant. Es gab gegen Ende des Experiments tatsächlich Momente, da fühlte ich mich schon als Diktator und nicht mehr als Lehrer oder Ehemann, wahrscheinlich hatte ich das nicht mehr im Griff. Wenn man einmal in eine Rolle hineinschlüpft, dann lebt man sie auch. Ich verhielt mich also wie ein Diktator und nicht mehr wie ein normaler Mensch.” Das Experiment geriet außer Kontrolle. Bereits nach drei Tagen hatte sich Jones Klasse fast um das dreifache vergrößert. Die Schüler waren nicht nur bereit, ihre Individualität zugunsten eines bequemen unselbständigen und disziplinären Verhaltens aufzugeben, sondern zwangen auch andere Schüler, Mitglied der WELLE zu werden... Schüler über die damalige Situation: “Entweder du warst voll dabei oder du warst es nicht. Etwas dazwischen gab es nicht. Jedes inkorrekte Verhalten wurde gemeldet. Der psychische Druck war enorm.” “Ein wichtiger Grund, warum ich dabei war, war mein Vertrauen zu Jones.” “Jones war fähig, die Kommunikation zwischen Leuten zu unterbinden. Das machte einen großen Teil seiner Macht aus. Er hatte uns alle sehr effektiv unter Kontrolle” “Wir alle hatten das Gefühl, es würde etwas außergewöhnliches, etwas wirklich bemerkenswertes an unserer Schule passieren. Wir taten endlich einmal alle etwas zusammen. Etwas, das Dinge in Bewegung bringt.” Diese Geschichte spiele sich im Jahre 1967 an einer kleinen Highschool in Palo Alto, California, ab. San Francisco auf dem Höhepunkt der Hippiebewegung: Flower Power und Blumenkinder waren das Symbol für Freiheit und Individualität. Das Unterrichtsexperiment von Ron Jones sollte nicht länger als einen Tag dauern. Doch aus einem Tag wurden fünf, und das, was am Ende daraus wurde, ist bis heute Gegenstand vieler verschiedener Dokumentationen und Studien. Das Experiment ist in Verbindung gebracht worden mit mehreren sozialwissenschaftlichen Versuchen, die die “dunkle” Seite der menschlichen Natur veranschaulichen sollen. “Dreiviertel der Durchschnittsbevölkerung können, einer Autorität folgend, andere unschuldige Menschen quälen, foltern und liquidieren.” Zu dieser Erkenntnis kam Stanley Milgram bei seinen wissenschaftlichen Experimenten mit simulierten Elektroschocks. Obwohl keine direkte Beziehung zwischen diesen Experimenten und dem Nationalsozialismus besteht, zeigt es doch die Bereitschaft von Menschen, im Rahmen einer gegebenen Ordnung, unter Ausschluß von moralischen Erwägungen, zu funktionieren. “Faschismus ist kein Phänomen, das nur andere Menschen betrifft. Es steckt in jedem von uns.” (Ben Ross in der “Welle”)

 

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