Wahner Spielleute - Theater in Wahn seit 1982

Es waren wohl in erster Linie diese Verse aus dem “Pygmalion” des römischen Dichters Publius Ovidius Naso, kurz: Ovid (43 v. Chr. bis zum 17 n. Chr.) die George Bernard Shaw zu seiner Komödie animiert haben dürften (...bleibt noch die Frage, ob nicht sogar dem Italiener Carlo Collodi bei seinem Pinocchio 1883 König Pygmalion im Hinterkopf herumspukte?...) Diese in Ovids “Metamorphosen” überlieferte antike romantische Sage erzählt von dem kyprischen König Pygmalion, der sich so sehr in eine von ihm geschaffene Frauenstatue verliebte, daß er Aphrodite bat, der Skulptur Leben einzuhauchen, woraufhin sich die Statue in die schöne ‘Galatea verwandelte. Auch Shaw nannte seinen Pygmalion “eine Romanze in fünf Akten”, obwohl man die Romantik in seinen bissigen Dialog-Duellen zwischen Higgins und Eliza allenfalls zwischen den Zeilen vermuten darf. Shaw gibt die Antwort selber: “Mein Pygmalion ist eine Romanze, weil es die Geschichte eines armen Mädchens ist, das am Portal einer Kirche einem Gentleman begegnet und von ihm in eine wunderschöne Dame verwandelt wird. Das nenne ich Romanze”. Shaws Pygmalion, der Phonetikprofessor Henry Higgins, hat mit der Liebe seines antiken Vorbildes nicht viel zu schaffen: er ist von seiner eigenen Leidenschaft als Sprachwissenschaftler und Sprecherzieher derart eingenommen, daß es ihm vollauf genügt, wenn er seine Galatea, das ruppige und ungewaschene Blumenmädchen Eliza Doolittle, zu einer Dame zurechtschnitzen kann. Um Gefühle schert sich der eitle Hagestolz Higgins nicht. Sein Ehrgeiz sind seine Eitelkeit und eine Wette, in der er mit seinem Kollegen Oberst Pickering ausgemacht hat, “dies Ding aus dem Abfall des Gemüsemarktes” innerhalb eines Jahres so weit zu kultivieren, daß sie als Herzogin durchgehen kann - und als die Wette gewonnen ist, hat ihn das Experiment schon die letzten zwei Monate gelangweilt... Auch wenn dieses Spiel um Gesellschaftsklassen und -kluften eindeutig für die englische Sprache geschrieben wurde, da korrekte Aussprache hier in Deutschland gesellschaftlich nie so bedeutend gewesen ist wie (noch heute) in England (nicht umsonst behalf man sich bei der deutschen Synchronisation von “My Fair Lady” mit dem Stilmittel eines breiten Berliner Dialektes, der aber weniger gesellschaftliche Klassifizierung als vielmehr regionalen und damit schichtübergreifenden Chrakter hat): Es bereitet einfach Vergnügen, wenn die liebreizende Eliza, durch die gebildete Sprache und ihre gleichzeitige Anmut sozial heimatlos geworden, über den Intellektuellen Hochmut und die miserablen Manieren Ihres “Puppenspielers” letztendlich triumphiert und sich zu einem innerlich freien, selbständigen und anmutigen Menschen emanzipiert.  

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