Wahner Spielleute - Theater in Wahn seit 1982

 

 

Er türmt die Geldmünzen übereinander und erfreut sich an ihrem Klingen. Ein Klingen - viel lieblicher für seine Ohren als die vermaledeiten Weihnachtsglöckchen. Ebenezer Scrooge hört sie in seinem düsteren Zimmer. An der Wand das Bild seines verstorbenen Geschäftsprartners Jacob Marley. Nebenan im Kontor arbeitet Bob Cratchit, hustend, vor Kälte in dem unbeheizten Raum zitternd. Es ist der Tag vor Weihnachten. Dorfkinder singen vor der Tür des alten Scrooge, wollen ihr Festscherflein empfangen. Scrooge jagt sie fort, droht mit der Polizei. Verbiestert beschimpft er alle, die mit einem “Fröhlichen Weihnachten” auf den Lippen ihm zur Last fallen. Verbiestert jagt er seinen Neffen Fred hinaus, der gekommen ist, um ihn zum Weihnachtsessen einzuladen. Gefühlsduselei! Geldverschwendung! Scrooge begnügt sich da lieber mit einem Fisch, einer Kartoffel, etwas Käse. Hauptsache, er kann seinen Mitarbeiter Cratchit und seine Dienste bis zur Neige ausschöpfen gegen einen lächerlichen Lohn. Und dann schlägt die Standuhr. Hohl tönt sie durch den muffigen Raum. Ein später Besucher ist eingetreten. Marleys Geist steht vor ihm, umgürtet mit Ketten und Schlössern, grün, modrig. Und der vor sieben Jahren gestorbene Kompagnon des verknöcherten Geizhalses kündigt Ebenezer drei weitere nächtliche Besucher an. Die Geister der Weihnacht. Der vergangenen, der gegenwärtigen, der zukünftigen Weihnacht. Als Marley verschwunden ist, findet Scrooge zur alten Souveranität zurück: “Weihnachten, Gespenster - alles Humbug - eine Magenverstimmung”. Er schläft ein. Die Uhr schlägt einmal. Der Weihnachtstag ist eine Stunde alt. Und Scrooge tritt eine lange Reise an. Zu sich selbst.

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